Der Geschmack des Erfolges

Für Donnerstag ist ein berühmter, schweizer Galerist, suisse-allemand, angemeldet. Auf dem A4-Zettel mit den kleinen Abbildungen der Kunstwerke stehen Zahlen mit fünf Nullen. Tout le monde hat Respekt vor diesem Mann, welcher in fließendem Französisch mit deutschem Akzent strenge, genaue Anweisungen gibt, das ganze Team aber anschließend in der Mittagspause ins Restaurant einlädt. Den ganzen Tag packen wir Gemälde in Luftpolsterfolie ein, schnell, bedacht, ja keinen Fehler zu machen. Wie vorsichtiges, sauberes Geschenkeeinpacken. Zum Zukleben gibt es kein Tesa-Film, sondern Scotch, wir sind ja immer noch in Frankreich. Der Galerist trägt ein blaues Jackett mit goldenen Manschettenknöpfen, eine Jeans und braune Lederslipper. Am Armgelenk natürlich ein schweizer Uhrwerk. Wenn er eine Seite der Luftpolsterfolie zuklebt, beugt er sich darüber und beißt das Scotch mit seinen Zähnen durch; der Cutter ist über den Leinwänden zu gefährlich. Als ich es ihm nachmache, habe ich kleine Klebestreifenfitzel im Mund, die ich ausspucken muss und mein Mund schmeckt bis zur Mittagspause nach Klebestreifen. Ich denke mir: Das ist der Geschmack, der den Galerist den ganzen Tag mit sich herumträgt. Pfefferminzbonbons und Scotch-Tape. Das ist der Geschmack seines persönlichen Erfolges.

– Dijon, 2015

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