Der Geschmack des Erfolges

Für Donnerstag ist ein berühmter, schweizer Galerist, suisse-allemand, angemeldet. Auf dem A4-Zettel mit den kleinen Abbildungen der Kunstwerke stehen Zahlen mit fünf Nullen. Tout le monde hat Respekt vor diesem Mann, welcher in fließendem Französisch mit deutschem Akzent strenge, genaue Anweisungen gibt, das ganze Team aber anschließend in der Mittagspause ins Restaurant einlädt. Den ganzen Tag packen wir Gemälde in Luftpolsterfolie ein, schnell, bedacht, ja keinen Fehler zu machen. Wie vorsichtiges, sauberes Geschenkeeinpacken. Zum Zukleben gibt es kein Tesa-Film, sondern Scotch, wir sind ja immer noch in Frankreich. Der Galerist trägt ein blaues Jackett mit goldenen Manschettenknöpfen, eine Jeans und braune Lederslipper. Am Armgelenk natürlich ein schweizer Uhrwerk. Wenn er eine Seite der Luftpolsterfolie zuklebt, beugt er sich darüber und beißt das Scotch mit seinen Zähnen durch; der Cutter ist über den Leinwänden zu gefährlich. Als ich es ihm nachmache, habe ich kleine Klebestreifenfitzel im Mund, die ich ausspucken muss und mein Mund schmeckt bis zur Mittagspause nach Klebestreifen. Ich denke mir: Das ist der Geschmack, der den Galerist den ganzen Tag mit sich herumträgt. Pfefferminzbonbons und Scotch-Tape. Das ist der Geschmack seines persönlichen Erfolges.

– Dijon, 2015

#5nach12

Was für meinen guten Freund M. der Eurovision Song Contest ist, das ist für mich das Selbstfilmfest durchgedreht24. Mein Lieblingsfestival habe ich diesmal (zum ersten Mal seit fünf Jahren) nicht besucht. Komisch war das. Einen Favoriten habe ich trotzdem: Eine Plansequenz von Vorwärts Schröder, einem Team, das sich seit Jahren mit eher unangenehmen Themen beschäftigt: Liebeskummer, Zombies oder dem Wahnsinn unseres Alltags.

Es gibt Wichtigeres als Internet

Ohne Titel

Jedes Jahr im Frühsommer fällt dieses Blog in ein verfrühtes Sommerloch. Ich nenne es: Die Zeit, wenn die Kastanien blühen. Es ist die Zeit, der ich einige der besten Kurzurlaube zu verdanken habe. Aber auch eine Zeit des ständigen Ausbalancierens, Abwägens, Absagen. Jedes Jahr kommt es mir vor, als würden sämtliche Veranstalter dieses Landes die ganzen interessanten Termine eines Jahres in die Monate Mai, Juni und Juli stopfen (ja, was ein ekliges Luxusproblem!). Monate, in denen es bei mir online ruhig wird, weil ich merke: Es gibt wichtigere Dinge als Internet – oder eben einfach: Momente, die hier eigentlich nichts zu suchen haben, weil sie mir zu wertvoll sind. Etwa: Mit Lieblingsmenschen in schwitzigen WGs zu Rihanna tanzen, den Eurovision Song Contest überanalysieren, mit der Familie in Regenjacke durch die Gegend radeln, bis zur Erschöpfung arbeiten.

Wo ich in diesen Kastanientagen war, bin, sein möchte:

Minimize! Über Minimalismus im Studentenzimmer

Ein Minimalist? Illustration von Lisa Tegtmeier.
Jäger oder Sammler? Illustration von Lisa Tegtmeier.
»Vielleicht lassen sich viele Studierenden in zwei Schubladen stecken: Sammler und Minimalisten, die nebeneinander friedlich koexistieren«: Illustrationen von Lisa Tegtmeier.

Am 4. Juli 1845 zieht der 28-jährige Henry David Thoreau in eine Holzhütte in den Wäldern von Concord im Bundesstaat Massachusetts. Vier Monate lang hat er an dem Häuschen in der Nähe des Walden-Sees gebaut, penibel alle Ausgaben dokumentiert: Insgesamt 28 Dollar kostet sein neues Heim. Für die Bewohner der umliegenden Dörfer ist er ein Spinner. Später schreibt er: „Auf diese Art machte ich die Entdeckung, dass sich ein Student ein Heim auf Lebenszeit verschaffen kann, das nicht mehr kostet als die Miete, die er sonst jährlich zahlt.“ Thoreau kennt das Studentenleben, er selbst hat nach seinem Studium als Volksschullehrer gearbeitet. Nicht aus Geiz oder Geldnot zieht er in die Wälder. Er möchte wissen, wie es sich anfühlt, nur mit dem Nötigsten zu leben. Weiterlesen

Lesen lernen. Literarischer Jahresrückblick 2015

Die Samstage meiner Kindheit verliefen immer nach dem gleichen Muster: Am Vormittag spazierte ich in die Bücherei, lieh dort so viele Bücher aus, wie ich nach Hause schleppen konnte, um sie dann, eins nach dem anderen, an- oder durchzulesen. Mein erstes Praktikum absolvierte ich im Buchhandel, meine erste Internetseite bastelte ich nur, um dort kurze Kinderbuch-Rezensionen veröffentlichen zu können.
Je älter ich wurde, desto weniger Zeit nahm mein erstes liebstes Hobby in meinem Leben ein. Bücher-Samstage wurden von Film- oder Internettagen abgelöst, Lesen wurde immer mehr zur Pflicht. Gerade im Studium hatte ich das Gefühl, dass Lesen mehr etwas war, was man tat, um klüger zu werden (oder zumindest so zu wirken). Der Sprung von leicht verdaulicher young adult literature zur „erwachsenen“ Belletristik fiel mir schwer. Ich versuchte, durch das stoische Durcharbeiten von langen Leselisten meine alte Leidenschaft wiederzufinden und quälte mich dadurch durch Bücher, die eigentlich mir nicht zusagten.
Die Mitbewohnerin (Germanistik-Studentin und beste Küchenpsychologin überhaupt) hörte sich dieses Gejammer ein paar Jahre an und schenkte mir dann eine Romantherapie, um mir zu helfen. Liebe alte Mitbewohnerin, die Patientin ist geheilt und verkündet: In diesem Lesejahr habe ich fünfzehn Bücher gelesen – und es hat mir sogar Spaß gemacht. Yes!
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Tarte au citron

Tarte au citron (Oder: Mürbeteig, die kleine Zicke)

Ich finde amerikanische pies, französische quiches und tartes faszinierend. Sie sind das Gegenteil von den Auslagen deutscher Bäckereien: Statt hefelastig und staubtrocken sind sie auf matschige Weise raffiniert. Angeblich spricht man als guter Lifestyle-Blogger am besten von Investitionen, die man in letzter Zeit so getätigt hat. Ich habe also investiert – und eine Quiche-Form gekauft.

Leider haben und pies, quiches und tartes einen Boden aus Mürbeteig. Und, pardon, Mürbeteig ist eine Zicke, der auch wie eine Diva behandelt werden will. Wenn man das nicht tut, endet das Ganze leicht in tausend Bröseln und tausend Tränen. Thanksgiving 2014 war zum Beispiel so ein Moment (da versuchte ich mich an einem pumpkin pie).
Am letzten Adventswochenende versuchte ich also, dem Mürbeteig noch eine Chance zu geben, diesmal in Form eines Zitronenkuchens. Um die Geschichte abzukürzen: Ich verbrachte die gesamte Nacht in der Küche und habe die Tarte au citron unter den kritischen Augen meiner Mitbewohner dreimal backen müssen. Das erste Mal war der Teig zu dünn, das zweite Mal vergaß ich, ihn vorher mit einer Gabel einzustechen. Überlebt habe ich das Drama nur mit dem Nummer-Eins-Album der Beatles. Wer also noch vor den Feiertagen eine Herausforderung und Abwechslung vom Plätzchenkrieg sucht, bitteschön:
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Last day of Wovember

Wer es immer noch nicht mitbekommen haben sollte: Es ist Wovember! Kate Davies und Felicity Ford haben in den letzten Wochen zum wiederholten Male den Wovember ausgerufen. Unter der Wortneuschöpfung aus Wolle und dem ekligsten Monat des Jahres haben die beiden Strickdesignerinnen mittlerweile eine kleine Tradition geschaffen: Wear 100% WOOL this wovember and help celebrate that real wool comes from real sheep! tönt es da auf dem offiziellen Blog. In den letzten vier Wochen herrschte also offizieller Ausnahmezustand, in dem die gemeine Strickerin unbekümmert über ihr Strickzeug schreiben und ordentlich darüber meckern konnte, dass ein Pulli aus Polyester wirklich nichts mit kraushaarigen Tieren zu tun hat. Denn der Wovember soll eine Zeit sein, in der man seinen Kopf in wolligweiche Wolken stecken und sich ausgiebig seinem Strickzeug widmen darf – um im gleichen Moment nachzufragen, woher der Kram überhaupt kommt, der da gerade durch die eigenen Hände läuft. Der Mythos, dass 100% Wolle automatisch 100% kratzig bedeutet, hält sich nämlich immer noch hartnäckig.

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