01.11.2014

dijon

Mein Verhältnis zur französischen Sprache gleicht dem einer unerfüllten Liebe. Mit 12 Jahren für den Nebenbuhler Latein entschieden, mit 14 gemerkt, dass lebendige Sprachen eher so mein Ding sind und dann, nach zwei Jahren läpprigem Schulfranzösisch, mit 20 vergeblich versucht, Uni-Stundenplan mit Französisch-Sprachkurs zu vereinbaren (…ahnt ihr was? Klappte natürlich nicht). Trotzdem immer wieder aufs Neue verknallt, wenn ich meine französische Mitbewohnerin am Telefon plappern hörte oder im Museum auf Menschengruppen stieß, die sich angeregt in der nasalen Sprache unterhielten.
„Was machst du nach dem Bachelor?“, fragten mich immer wieder Freunde. Und wenn ich dann in mich reinhörte, hatte ich tief drinnen einen großen Wunsch – auf meine alten Tage noch einmal irgendwie meine Frankophilie ausleben. Drei Intensivkurse und ein Haufen Bewerbungen später bin ich nun in Dijon gelandet, arbeite in einem Museum und versuche, hier – in der Hauptstadt des Burgunds und des guten Weines – Antworten auf Fragen zu finden, die mich schon jahrelang beschäftigen: Ziehen sich die Franzosen wirklich besser an? (Vorläufige Antwort: Nein.) Sind wirklich so viele von ihnen Cineasten? (Vorläufige Antwort: Ja.) Sind sie wirklich so höflich, wie man das in Deutschland behauptet? (Vorläufige Antwort: Nein.) Legen sie wirklich so viel Wert auf gutes Essen? (Oh ja.) Ist das kulturelle Leben wirklich anregender als in Deutschland? (Mais oui!) Weiterlesen…

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29.09.2014

herbst

Jahrelang hatte ich meine Flucht vorbereitet. Hatte mir vorgestellt, wie es sein würde, wenn ich diese Stadt nach langen Studienjahren endlich verlassen könnte. Noch zwei Jahre, noch eins, dann … Hatte genug von den Partygesprächen in meiner Heimatstadt, von der zweithäufigsten Frage im Small-Talk: „Wo kommst du denn her?“ und vom darauffolgenden „Nicht weit gekommen, hm?“ (Dieses Prozedere hatte ich bald so viel über, dass ich mich daraufhin in einer Kolumne auf der letzten Seite meiner Uni-Zeitung verteidigte.)

Entgegen allen Erwartungen fühlte ich mich am Abend meiner Bachelorentlassung nicht gelöst. Es war eine Prozedur gewesen, wie ich sie seit dem ersten Semester hatte beobachten können, nur, dass ich diesmal selbst ein aktiver Teil davon war: Eine Ausstellungseröffnung. Eine Eröffnungsrede. Ein Abschiedsgeschenk. Ein paar ermunternde Worte. Ein Foto. Applaus. Ich hatte mir im Vorfeld nicht einmal Gedanken darüber gedacht, wie ich auf ebendiesem Foto aussehen würde, und so sah ich aus, wie ich die ganze Woche lang ausgesehen hatte: Mit Sandalen an den Füßen und Ringen unter den Augen. Später merkte ich, wie sich das Wasser in meinen Augen sammelte.

Noch vor ein paar Tagen hatte ich mich geärgert, dass der Sommer sich heimlich verabschiedet, das Freibad die Saison vorzeitig beendet hatte und die Blätter gelb wurden. Es gab Monate, da fühlte mich so übersättigt von dieser Umgebung, die mich schon so lange umgab. Jetzt war Braunschweig auf einmal der schönste Ort auf Erden und nie hatte sich Fahrradfahren im Herbst so gut angefühlt. Es gab Zeiten, da konnte ich die Veränderung nicht abwarten. Jetzt hätte ich alles gegeben für ein bisschen mehr Zeit in dieser, meiner Stadt; Zeit für mich und Zeit mit den Leuten, die mir über Jahre wichtig geworden waren; ärgerte mich, weil ich die Flucht bereits genauestens geplant hatte, vor Angst, vor dem Stillstand und der Ruhe, die mich normalerweise nach meinem Bachelor erwartet hätte und die Eva so gut hier beschreibt.
Stattdessen ein Abschied, der den Begriff fluchtartig verdient hatte (… war es nicht etwa das gewesen, was ich so lange gewollt hatte?). Und so saß ich plötzlich verdattert in einem leeren, ausgeräumten Zimmer und zwei Tage später dann in einem leeren ICE-Abteil. Über Trier nach Dijon.

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21.09.2014

Es gibt ein Mittel gegen die Einsamkeit, die einen plötzlich in einer fremden Stadt überfällt: etwas kaufen: eine Ansichtskarte, einen Kaugummi nur, einen Bleistift oder Zigaretten: etwas in die Hand bekommen, teilnehmen am Leben dieser Stadt, indem man etwas kauft (…)

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24.08.2014

Irgendwann im Dezember letzten Jahres bin ich – der regelmäßige Leser dieser Webseite kennt es nicht anders – mal wieder online untergetaucht. Jedesmal verspreche ich Besserung, jedesmal kommt mir etwas (das Leben oder einfach nur der Bachelor) dazwischen. Im letzten halben Jahr war ich vor allem damit beschäftigt, sehr beschäftigt oder sehr glücklich zu sein.
Ganz speziell: In Zügen herumzufahren, zu zeichnen, zu drucken, Geschichten, Konzepte und Bewerbungen zu verfassen, um anschließend total fertig auf den Sofas oder Betten meiner Freunde herumzulungern, wo ich gefährliches Halbwissen an alle Interessierten verbreitete.

Unruhige Kameraführung und untote Alltagsprobleme: Unser Festivalbeitrag für durchgedreht24

Der absolute Höhepunkt dieses vollgestopften, aber wohl geplanten und stringenten Arbeitsprozesses war wohl mein 24. Geburtstag, an dem ich mein liebstes Festival – durchgedreht24 – mit meiner anstregenden Präsenz und Teilnahme beehrte. Weiterlesen…

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29.12.2013

The Edge of Love: Siennas Cardigan

Das Einzige, was man über „The Edge of Love“ von 2008 wissen muss: Er ist wahnsinnig schön anzusehen. Den ganzen Film hindurch hat man das Gefühl, eine Einrichtungszeitschrift durchzublättern, in dem Models in historischen Kostümen in weichen Betten herumliegen und verträumt in die Gegend starren. Sienna Miller und Keira Knightley mimen arme Ehefrauen im Zweiten Weltkrieg, während sie reihenweise die wohl schönsten Strickjacken und -pullover der britischen Filmgeschichte auftragen. Weiterlesen…

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14.12.2013

Ich hab jetzt schon wieder die Nase voll von überfüllten Einkaufszentren und Geschenkelisten im Internet und in Magazinen, die mir sagen sollen, dass ich meinen Liebsten vergoldete Eierbecher oder Luxus-Duftkerzen zu Weihnachten schenken soll. Noch sage ich: Bevor ich mal Duftkerzen verschenke, verschenke ich eher Freikarten für die Autobahntoilette (die Idee gehört allerdings nicht mir, sondern Helge Schneider).

Keith Haring: Nina's Book of little thingsBilder von Amazon

Was mir heute allerdings eine kleine Träne ins Auge trieb, irgendwo auf einem überfüllten Weihnachtsmarkt: Keith Harings Buch „Ninas Buch der kleinen Dinge“. Der Künstler Haring gestaltete es 1988, um es der siebenjährigen Nina Clemente zum Geburtstag zu schenken. Es war ein Buch, in dem sie frei zeichnen, kleben und ausprobieren sollte. Aus dem Kind aus der Künstlerszene New York Citys ist mittlerweile eine Edel-Köchin mit Anthropologie-Abschluss geworden, Haring hat unsere Welt im Jahre 1990 verlassen, lange bevor Keri Smith ganz ähnliche, aber ebenso wunderschöne Scrapbücher auf den Markt warf.

Wann ich zum ersten Mal einen Haring sah, kann ich nicht mehr sagen, als Kind der 90er hatte ich das Gefühl, er – oder sein Erbe – war in meiner Kindheit allgegenwärtig. Wirre Linien, leuchtende Babys und comicartige Gemälde passten auch immer noch ein Jahrzehnt nach seinem Tod in die leicht geschmacksverwirrte, quietschbunte Zeit der Plateauschuhe und Love-Parade-Techno. Schätzen lernte ich ihn aber erst 20 Jahre später, in einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, wo man seinen legendären Pop Shop rekonstruiert hatte. Ich war fasziniert, denn erst jetzt verstand ich: Sein Laden, in dem er Merchandise wie T-Shirts und Buttons mit eigenen Motiven verkaufte, lag irgendwo zwischen Beuys und Warhol, zwischen Konsum, Kommerz und „Kunst für alle“ und verkörpert einen Geist, nach dem man im heutigen Kunst-Mainstream nur noch sucht.


KEITH HARING, THE MESSAGE – version intégrale von ARTECreative

Die obige arte-Dokumentation ist wohl eine der besten, die über den Workaholic Haring produziert wurden. Sie hält sich nicht mit nostalgischen Kindheitserinnerungen des Künstlers auf, sondern gibt gleich Einblick in die Zeit und die Stadt, die Haring am meisten geprägt haben: Das New York der 80er, mit all seinen Ängsten (nukleare Katastrophen, rätselhafte Tode durch die noch unentdeckte Krankheit AIDS, an der auch Haring schließlich sterben sollte), Parties und neuen Jugendkulturen (Graffiti, Rap, Breakdance). Mit dabei: Ein Interview mit der erwachsenen Nina Clemente. Sie hat ihr Geschenk 1994 zur Veröffentlichung freigegeben, um es auch anderen Kindern und Erwachsenen an die Hand zu geben. „Ninas Buch der kleinen Dinge“ ist ein Sammelalbum, in welchem die kleine Nina Dinge aufheben sollte, die ihr wichtig waren. Es ist auch noch jetzt, in der Neuauflage, ein zeitloses Skribbel-Album, in dem alles erlaubt ist.

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11.11.2013

cocoon

Wenn ich noch eine Sache in Spanien gelernt habe, dann die, wie wenig Feste wir in Deutschland so feiern. Nachdem meine Spanischlehrerinnen eine ganze Tafel mit Festen und Bräuchen gefüllt hatten, weinte ich vor Scham ein wenig in mich hinein. Natürlich liegt das auch an den Temperatur- und Gemütsunterschieden von Norden und Süden, dennoch wünsche ich mir manchmal das ein kleines Fest, gerade auch in den Wintermonaten, in denen man ja meist nur von dem vorweihnachtlichen Supermarkt- und Kaufhausstress begleitet wird. Wenn es ein stilles Fest gibt, das noch nicht komplett von der Kommerzialisierung gefressen wurde und bei dem ich mich immer noch freue, wenn es mir auf der Straße begegnet, dann ist das der Martinsumzug. Ich glaube, es gibt keine bessere Idee, als den sonst so trostlosen und ekligen November mit selbstgemachten Papierlaternen aufzumuntern und danach einen heißen Kakao trinken zu gehen.

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07.11.2013

bellotas

media luna

anillos imperfectos

pescado

Über ein Jahr ist es her, dass ich meine Sachen packte und meinen Wohnsitz temporär in das Land der Orangen verlagerte. Meine Zeit in Spanien war in jeder Hinsicht lehrreich für mich – auch, weil ich mich endlich mit dem Handwerk des Goldschmiedens auseinandersetzte. Eine Mini-Kollektion aus Messing und Silber ist dabei entstanden, die meinen Charakter ein wenig widerspiegelt. Naturverbunden, nicht ganz perfekt und glatt poliert. Dazu: Ein plötzliches Interesse für alle Goldschmiedearbeiten, das im Moment aber ruhen muss, weil vor allem eine Werkstatt und das passende Werkzeug fehlen.
Also: Wenn jemand noch eine Goldschmiedewerkstatt in Braunschweig kennt, die einen Praktikanten für den Frühling 2014 gebrauchen kann: Ich würde mich freuen.

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