Albern und bunt …

… also so, wie man uns kennt. Idee, Drehbuch, Dreh, Ton und kein Schnitt innerhalb von 24 Stunden. »Das ist mittlerweile einfach eine ungewöhnliche Art, jedes Jahr ein Wochenende mit meinen besten Freunden verbringen zu können«, meinte ich kürzlich im Bezug auf das durchgedreht24-Selbstfilmfest und es stimmt irgendwie. Komisch, dass selbst dieser verregnete Sommer nun schon so weit zurückliegt.

Vergessene Träume: Schnipsel der Woche

  • Gestern besuchte ich die Deichtorhallen Hamburg. Eher zufällig stießen wir dabei auf eine Ausstellung von Alec Soth, dessen Arbeiten ich in meinen ersten Studiensemestern sehr bewundert hatte. Die Ausstellung versetze mich in diese Zeit zurück: damals interessierte ich mich sehr für Fotografie und hatte mehr Träume als Ziele. Darum liebte ich auch all die ungesagten Träume, Geheimnisse und Geschichten, die Soths Fotografien in sich tragen. Ignant hat ein Feature zur Ausstellung, mit einem Interview, das mir sehr viel Mut gemacht hat.
  • Seit einer Woche chatte ich mit Uschi, einer Bio-Kuh aus Nordrhein-Westfalen. Sie erzählt mir, wie viel Milch sie heute so gibt und wie es Kalb Willi gerade geht. Möglich gemacht hat das Projekt »Die Superkühe« vom WDR – für mich jetzt schon das spannendste Online-Journalismus-Projekt des Jahres.
  • Seit ich Benedict Wells 2010 bei einer Lesung erlebte, bin ich Fan. Seine Facebook-Seite war schon immer empfehlenswert – dort postet er kurze Buchkritiken und Playlists. Jetzt hat er eine eigene Internetpräsenz mit einer lesenswerten Textsammlung. Motiviert hat mich dieser Artikel – er handelt (was sonst?) vom Schreiben.
  • Anna Niestroj ist Gestalterin, führt ein Kreativbüro, entwirft leidenschaftlich Muster – und renoviert irgendwie ständig ihre Wohnung. Lange habe ich diesen Prozess bei Instagram beäugt, nun gibt es die gesammelten Fotos des Prozesses auf ihrem Blog. Die Küche! Die Küche!

Es liegt ja immer eine Gefahr darin, sich zu wiederholen und dafür gefeiert zu werden, was man immer macht. Deshalb passiert es oft, dass durch Sachen, die außer der Reihe gemacht werden, als halbe Auftragsarbeit, die besten Arbeiten entstehen. »Drive« ist der beste Film von Nicolas Winding Refn, weil er da gar nicht immer machen konnte, was er wollte: Er hatte ja ein Drehbuch, eigentlich sollte es ein ganz normaler Thriller werden. Er hat dann sein ganz eigenes Ding daraus gemacht.
Dietrich Brüggemann im Interview über seinen ersten »Tatort«

Schnipsel der Woche

Hey, it’s 2009, let’s do a link list! Eine Rubrik, die dank Twitter schon vor Jahren veraltet ist, aber ich mag es, wenn sich am Ende der Woche die Lieblingslinks zu einer harmonischen Collage zusammenfügen. Zudem mag ich in Zukunft gerne auf das zurückschauen, was mich im Moment bewegt. Außerdem ist der Sonntag doch ein perfekter Lesetag!

  • Seit Wochen höre ich HAIMs neues Album »Something To Tell You« on repeat. Noch vor ein paar Jahren ich diesem kalifornischen Sound der drei Schwestern wenig abgewinnen, jetzt habe ich eine ganze Woche lang mit ihren zwei Alben mein neues Zimmer renoviert. Noch mehr Spaß habe ich dabei, Interviews mit den drei Schwestern anzusehen. Danielle Haim, Leadsängerin und die mittlere der Schwestern, sitzt meistens in den Interviews am Rand und sagt: kaum bis nichts. Sie ist nun offiziell mein »favourite introvert« in der aktuellen Popkultur.
  • In letzter Zeit habe ich drei gute Interviews mit Frauen gelesen, die für andere Frauen arbeiten. Dabei habe ich gemerkt, dass ich sehr gerne mehr davon lesen möchte!
    In dem ersten erzählt Rebecca Grice, die Stylistin der Haim-Schwestern (surprise!) darüber, wie sie den Stil der Band weiterentwickelt und fördert.
  • Im zweiten plaudern Selena Gomez und Petra Collins über ihre gemeinsame Arbeit an Gomez’ neuem Musikvideo. Man mag von der Arbeit der beiden halten, was man will, dass hier sowohl eine junge Frau hinter der Kamera als auch vor der Kamera steht, finde ich absolut erfrischend.
    Und zu guter Letzt gab es dann noch dieses Interview bei No Film School, in dem die Art Direktorin von Sofia Coppolas neuem Film »The Beguiled« erzählt, wie es eben so ist, mit Sofia Coppola zusammenzuarbeiten. (Spoiler: So wie man es sich auch vorstellt, mit Sofia Coppola zu arbeiten).

  • Die ukrainische Künstlerin Masha Reva hat eine verträumt-verspielte Fotostrecke für den Modedesigner Jaquemus entworfen. Sie soll eine Hommage an Jaquemus’ Heimatstadt Marseille darstellen (die ich genauso wie die Fotostrecke liebe, obwohl ich nur einmal bei strömendem Regen dort war). Masha Revas gesamtes Portfolio ist übrigens einen Blick (oder viele davon) wert.
  • Ich arbeite in einem starken Team zehnmal besser als allein. Und so ausgelutscht es auch mittlerweile sein mag: Ich werde nie, nie, nie müde werden, Artikel über die Chancen und Schwächen von Teamwork zu lesen.
  • Natürlich habe ich als Kind mit der »Raupe Nimmersatt« Lesen gelernt. Und natürlich habe ich mich bis heute gefragt, wie Eric Carle seine Wasserfarben-Collagen fabriziert. Die Antwort liefert diese arte-Doku, die auch die bizarre Kindheit und Jugend des Grafikers und Illustrators erzählt.

Sommerlektüre

Ein bisschen Sommer ist noch, ich bin da optimistisch. Ein Freund fragte mich vor einem Jahr nach der passenden Lektüre für seine Urlaubstage, ich schickte ihm daraufhin eine Liste mit den Romanen, die meine letzten Sommer bestimmten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er bis heute nichts von der Liste gelesen hat. Vielleicht findet sie hier den richtigen Leser.

  • Banana Yoshimoto: Tsugumi
  • Ein bisschen wie Balsam ist dieses Buch. Es spielt in einem verregneten Sommer in einem verschlafenen Hafenstädtchen Japans und sollte damit auch noch die perfekte Lektüre für diesen Sommer sein. Eine (gar nicht doofe) Coming-of-Age-Geschichte gibt es obendrauf.

  • Donna Tartt: The Secret History
  • Den Sommer 2015 verbrachte ich hauptsächlich in Regionalzügen. Ich schleppte dieses Buch überall hin und sah nicht viel von den Bahnhöfen, an denen ich wartete, weil mein Kopf in diesem Buch steckte – so viel Sogkraft übte seit Harry Potter kein Buch mehr auf mich aus. Es hat ja aber auch die besten Zutaten dafür: Versnobte College-Studenten aus Neuengland und ein Geheimnis. Unbedingt in der Originalfassung lesen.

  • Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer
  • Gerne hätte ich dieses Buch mit Liebeskummer gelesen. Leider hatte ich keinen. Vielleicht auch ganz gut so, denn die Protagonistin hatte ja schließlich schon welchen. Ein Buch, das nicht zu viel will und gerade deswegen so angenehm daherkommt.

  • Mark Twain: Huckleberry Finn
  • Ich hatte gerade mein Abitur bestanden und lag mit meinen Freundinnen und Huckleberry Finn am Strand. Bis heute ist es eins meiner Lieblingsbücher. Huckleberry Finn ist die Blaupause des amerikanischen Jugendromans, Holden Caulfield und seine Nachahmer können da einpacken.

  • Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern
  • Las ich als gerade 16-jährige in der Hängematte im Garten meiner Eltern. Ich glaube, es gibt keinen besseren Zeitpunkt für dieses verträumte-stille-verstörende Buch, das mittlerweile eh jeder als Sofia-Coppola-Verfilmung gesehen hat. Trotzdem war es mit seinem wunderbaren Schreibstil mein erster Schritt in die »erwachsene« Belletristik und dafür bin ich bis heute dankbar.

Ängste abbauen, coole Teenager und Ekel

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Momentan versuche ich, meine jahrelange Angst und Unlust vorm HTML/CSS-Coding abzubauen. Ich fahre nach Berlin und zwinge mich zu kostenlosen Workshops (empfehlenswert!), sperre mich in mein Zimmer ein und versuche, in diesen absolut besessenen, flow-artigen Zustand zu kommen, der als Teenager meine Wochenenden bestimmte.
Schon komisch (und vielleicht auch normal und beruhigend!), dass man vor Tätigkeiten, mit denen man als Teenager seine Tage füllte, irgendwann Respekt entwickelt, weil man einfach älter wird und sich andere Interessen sucht. Gold Roger beschreibt das sehr gut in diesem empfehlenswerten Podcast – da geht es allerdings ums Skaten und die Angst vor Knochenbrüchen im Alter. Das ist zum einen irgendwie auf dem anderen Ende der jugendlichen Coolness-Skala und zum anderen auch gefährlicher als schlecht geschriebene Webseiten.
Albern also, meine Furcht! Um Ängste abzubauen, sind baby steps bekanntlich gut geeignet und wenn diese mir dazu noch bei einem anderen Projekt helfen, umso besser. Hier kannst du mir ganz anonym deine geheimsten Ekel-Ängste verraten.

Der Geschmack des Erfolges

Für Donnerstag ist ein berühmter, schweizer Galerist, suisse-allemand, angemeldet. Auf dem A4-Zettel mit den kleinen Abbildungen der Kunstwerke stehen Zahlen mit fünf Nullen. Tout le monde hat Respekt vor diesem Mann, welcher in fließendem Französisch mit deutschem Akzent strenge, genaue Anweisungen gibt, das ganze Team aber anschließend in der Mittagspause ins Restaurant einlädt. Den ganzen Tag packen wir Gemälde in Luftpolsterfolie ein, schnell, bedacht, ja keinen Fehler zu machen. Wie vorsichtiges, sauberes Geschenkeeinpacken. Zum Zukleben gibt es kein Tesa-Film, sondern Scotch, wir sind ja immer noch in Frankreich. Der Galerist trägt ein blaues Jackett mit goldenen Manschettenknöpfen, eine Jeans und braune Lederslipper. Am Armgelenk natürlich ein schweizer Uhrwerk. Wenn er eine Seite der Luftpolsterfolie zuklebt, beugt er sich darüber und beißt das Scotch mit seinen Zähnen durch; der Cutter ist über den Leinwänden zu gefährlich. Als ich es ihm nachmache, habe ich kleine Klebestreifenfitzel im Mund, die ich ausspucken muss und mein Mund schmeckt bis zur Mittagspause nach Klebestreifen. Ich denke mir: Das ist der Geschmack, der den Galerist den ganzen Tag mit sich herumträgt. Pfefferminzbonbons und Scotch-Tape. Das ist der Geschmack seines persönlichen Erfolges.

– Dijon, 2015