Liebstes Fahrrad,

Ich erinnere mich gut an meinen 12. Geburtstag. Es war der Sommer, nach dem ich das Gymnasium besuchen sollte, und natürlich wusste ich bereits, was mich in unserem Keller erwartete, denn ich hatte dich schon vorher im Fahrradladen ausgesucht. Neun Jahre später weiß ich, dass du das schönste Geburtstagsgeschenk warst, das ich je in meinem Leben bekommen habe.

Als ich die Augen öffnen durfte, standest du da– ein ganz erwachsenes blaues Rad. Was für ein Unterschied zu dem schön-hässlichen pinken Kinderfahrrad, mit dem ich bisher extra wenig zur Schule fuhr, weil es jedes Mal eine Menge böser Kommentare auf sich zog. Den einzigen Kommentar, den du mehr als einmal bekommen hast: Peugeot macht auch Fahrräder?, alternativ: Ooh, ein Peugeot-Fahrrad, aha…

Wir haben zähe Familienradtouren durch die deutsche Provinz überstanden. Ich wuchs, und du bist mit mir gewachsen. Du bist auf dem Autodach in Urlaube mitgekommen. Ich lernte von dir: Wie man löchrige Fahrradschläuche austauscht, was man tut, wenn einem die Kette abspringt, wie man abgenutzte Bremsblöcke wechselt.
Ich fuhr auf dir in die Schule und zurück (manchmal freihändig). Ich sang dir auf Feldwegen laut Lieder vor. Erinnerst du dich an die Zeit, als ich anfing, mit dir nach Parties im Dunkeln (und ein wenig angetrunken) nach Hause zu fahren? Komische Tiere; Rehe, Ratten, Katzen und wilde Hunde begegneten uns in diesen Nächten. Oft hatte ich Angst, aber ich strampelte die Angst in deine Pedalen.

Wir hatten nie einen Unfall, manchmal schob ich dich entnervt nach Hause, weil deine Kette zu müde war. Wenn mir Zuhause zu viel wurde, fuhren wir durch die Wiesen und Felder, und ich fühlte mich frei dabei. Du kanntest alle meine besten Freunde und Freundinnen, alle unsere Geschichten. Ich trat manchmal wütend, hoffnungsvoll, ängstlich, jubelnd, müde in die Pedalen. Nach dem Abitur bereisten wir die Fahrradabteile der Deutschen Bahn zusammen.

Als ich umzog, kamst du mit mir, ich in meine eigene Wohnung, du in deinen eigenen Schuppen. Am Ende hattest du einen kaputten Sattel, aus dem der Sitzgelee quoll und den ich nicht-ganz-so-liebevoll mit Panzerband flickte, ein ebenfalls auf diese Weise geflicktes Rücklicht, abgenutzte Bremsblöcke, einen wackeligen Ständer.

Nach einem langem Wochenende stand die Schuppentür weit offen, du warst weg. Der Polizei war das egal, niemand verstand, wie sehr du mir fehltest. Ich schaute lange jedem blauen Fahrrad hinterher, ich vermisse dich auch heute noch, auch wenn ich einen Ersatz gefunden habe. Ich grüße dich, auf welchem Flohmarkt du auch immer jetzt sein magst.

Vielen Dank und alles Liebe,
Nina

Kommentar 1

  1. laura 22. März 2012

    liebe nina, was für ein wunderschöner text von dir! ich fand es schön, dich und dein fahrrad in gedanken durch die zeit zu begleiten und mich auch daran zu erinnern, was ich auf meinem fahrrad alles erlebt habe. zum glück vergisst man sein erstes fahrrad niemals! (:

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