Minimize! Über Minimalismus im Studentenzimmer

Ein Minimalist? Illustration von Lisa Tegtmeier.
Jäger oder Sammler? Illustration von Lisa Tegtmeier.
»Vielleicht lassen sich viele Studierenden in zwei Schubladen stecken: Sammler und Minimalisten, die nebeneinander friedlich koexistieren«: Illustrationen von Lisa Tegtmeier.

Am 4. Juli 1845 zieht der 28-jährige Henry David Thoreau in eine Holzhütte in den Wäldern von Concord im Bundesstaat Massachusetts. Vier Monate lang hat er an dem Häuschen in der Nähe des Walden-Sees gebaut, penibel alle Ausgaben dokumentiert: Insgesamt 28 Dollar kostet sein neues Heim. Für die Bewohner der umliegenden Dörfer ist er ein Spinner. Später schreibt er: „Auf diese Art machte ich die Entdeckung, dass sich ein Student ein Heim auf Lebenszeit verschaffen kann, das nicht mehr kostet als die Miete, die er sonst jährlich zahlt.“ Thoreau kennt das Studentenleben, er selbst hat nach seinem Studium als Volksschullehrer gearbeitet. Nicht aus Geiz oder Geldnot zieht er in die Wälder. Er möchte wissen, wie es sich anfühlt, nur mit dem Nötigsten zu leben.

Die Schnelllebigkeit der industriellen Revolution Neuenglands empfindet er als Last. Er meidet Züge und geht lieber zu Fuß, kritisiert den Bau von telegrafischen Verbindungen und den schnellen Wechsel der Mode. Er versteht die Geschäftsmänner nicht, die nur für wenige Jahre nach Indien ziehen, um dort ihr Glück zu suchen und kann sich nicht mit den ökonomischen Widersprüchen der frisch industrialisierten Welt anfreunden.

Seine zweijährige Zeit am Walden-See ist ein Experiment. Er möchte wissen, ob man dem Leben näher kommt, wenn man weniger konsumiert. „Ich wollte intensiv leben, dem Leben alles Mark aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles die Flucht ergreifen würde, was nicht Leben war“, schreibt er in seinem Bericht „Walden“ von 1854. Und er lebt bewusster, beobachtet Tiere, baut sein eigenes Gemüse an, liest viel, sieht zu, wie sich der See mit den Jahreszeiten verändert. In gewisser Weise war Thoreau einer der ersten dokumentierten Minimalisten der westlichen Welt.

Heute, über 150 Jahre später, hat sich unsere Welt um ein Vielfaches beschleunigt. Zu Zügen gesellen sich U-Bahn-Netze, Flughäfen, Busse. Aus zwei großen Mode-Saisons sind 52 Mikro-Saisons geworden, die wöchentlich in den Verkaufstempeln ankommen. Mit dem Flugzeug kommt man innerhalb eines Tages von Nordamerika nach Indien, das Smartphone in der Hosentasche hat jeden Telegramm-Masten obsolet gemacht.

Verständlich, dass in einer Zeit, die noch mehr mit technischen Neuerungen konfrontiert wird als das industrialisierte Neuenland des 19. Jahrhunderts, immer mehr Ratgeber und Berichte im Internet auftauchen, die sich mit einem reduzierten Lebensstil befassen. Ehemalige Shopaholics regen an, ihre Kaufgewohnheiten zu hinterfragen, Blogger schreiben über kritisches Konsumverhalten, große Medien berichten über junge Menschen, die einem der vielen minimalistischen Trends folgen.

Doch was versteckt sich hinter dem Begriff, der ursprünglich aus der Architektur und der Kunstgeschichte kommt und Werke beschreibt, die sich einer einfachen Formensprache bedienen? Minimalisten empfinden Besitztümer als belastend und versuchen, ihr Hab und Gut auf das Wesentliche zu reduzieren. In fast allen Fällen ist es die Zeit, die mit dem Verzicht auf ständigen Konsum an erster Stelle tritt: „Für mich bedeutet es, ein einfaches Leben mit meiner Frau und meinen Kindern zu genießen; zu lernen, zufrieden zu sein und nicht dauernd Dinge kaufen zu müssen; mit weniger Besitz aber dafür mehr Zeit zu leben; Dinge zu tun, die ich liebe und dafür Raum im Leben zu haben“, beschreibt Leo Babauta, einer der bekanntesten Online-Minimalisten, seinen Lebensstil. Auf seiner Internetseite mnmlist.com schrieb er fünf Jahre lang darüber, dass sich das Großstadtleben in San Francisco und ein reduzierter Lebensstil mit Kindern nicht ausschließen müssen. Treten ähnliche Lebensphilosophien auch in Studentenkreisen auf? Eigentlich ist das Studentenleben prädestiniert für einen minimalistischen Lebensstil, denn der Durchschnitts-Studierende hat sowieso kein Geld, braucht nicht viel zum Leben und muss schnell mobil sein, wenn ihn das nächste Praktikum ruft. Allein die Herausforderungen des Bologna-Systems bieten perfekte Grundvoraussetzungen, um Minimalist zu werden. Bachelor nach drei Jahren, Master nach fünf, Praktika, Auslandssemester und darauf folgende Jobs sorgen dafür, dass wir schnell verfügbar und mobil bleiben müssen – und im besten Falle dafür unser Hab und Gut auf das Wesentliche reduzieren.

Spartanisch eingerichtetes Studentenzimmer. Die schreckliche Wandfarbe hatte ich mir nicht ausgesucht.
Das Zimmer, in dem ich diesen Artikel schrieb. Sowohl Wandfarbe als auch die selbst verordnete spartanische Einrichtung gingen mir leider ziemlich schnell auf die Nerven.

So verwundert es nicht, wenn die beste Freundin gerade ihren gesamten Hausrat bis hin zur Zuckerdose auf eBay-Kleinanzeigen verscherbelt, weil sie eine Zulassung für einen Masterplatz bekommen hat. Oder die Mitbewohnerin sich von jedem nicht getragenen Kleidungsstück trennt, weil sie das Gefühl hat, dass es sie innerlich belastet.

Lisa sitzt barfuß im Schneidersitz auf dem Bett in ihrem Zimmer. Sie trägt kurze Haare und ein weißes Hemd, an ihren Handgelenken klappern Holz-Armreifen. Im Zimmer stehen eine Kommode, eine Stereo-Anlage, ein Tisch, ein Stuhl und kein Regal. Ihre Kleidungsstücke liegen in einem Wäschekorb. „Ich lebe einfach mit unheimlich wenig Sachen, auch weil ich ganz viel umgezogen bin in den letzten Jahren und deswegen nie etwas mitgenommen habe. Die Sachen, die ich jetzt gerade habe, sind geliehen.“
Lisa ist vielleicht so etwas wie ein natürlich gewachsener Minimalist. Intensiv beschäftigt hat sie sich mit dem Thema nicht, sie empfindet die Anhäufung zahlreicher Besitztümer einfach als belastend.

Lisa ist 23, nach dem Abi war sie ein Jahr in Kamerun. Dort sind all ihre persönlichen Gegenstände aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit verschimmelt. Angebote zur Freizeitgestaltung gab es dort fast keine: „Kein Theater, kein Kino.“ An die Stelle traten persönliche Beziehungen, Bewegung und Gemüseanbau. „Ich hab gedacht, wenn ich zurückkomme, nutze ich die Möglichkeiten wieder total aus, und dann hab ich gemerkt, dass es mich nervt, dass sich keiner um mich herum mehr konzentriert. Ich hatte das Gefühl, die beschäftigen sich ganz viel mit Einkaufen gehen, da noch eine Aktion, dafür noch Geld ausgeben …“

Nach dem Jahr beginnt sie ihr Studium im Fach „Darstellendes Spiel“ in Braunschweig. Auch die Kürze des Bachelor-Studiums trug zu ihrer Entscheidung bei: „In der Phase jetzt ist ja alles vorübergehend, auch mit den Leuten. Ich gehe davon aus, dass ich hier nicht länger bleibe.“ Ein Stück weit war die Entscheidung, so zu leben, also eine bewusste, ein Stück weit kam sie aus einer Notwendigkeit heraus, weil ihr – wie vielen Studierenden – die finanziellen Mittel fehlen, um unbegrenzt Besitztümer anzuhäufen. Aber Material und Materielles interessiert Lisa sowieso nicht. Ein teures Handy möchte sie nicht besitzen, weil sie sowieso nicht gut damit umgehen könne. Auch in ihren künstlerischen Arbeiten oder Performances arbeitet sie ohne großes Drumherum: „Wenn ich Arbeiten mache, sind die schon sehr reduziert. Aber ich mach das jetzt nicht mit Absicht, weil ich Minimalismus toll finde, sondern ich wüsste auch einfach nicht, was ich mir für ein Material reinstellen soll. Vielleicht kann ich mich auch einfach nicht so gut konzentrieren, solche Sachen lenken mich total schnell ab.“

An die Stelle des Konsums tritt bei ihr das Interesse für Tanz, Sport, Kunst und Konzentration. Trotzdem will sich Lisa nicht wichtig nehmen. Minimalismus auf Lebenszeit? Nicht möglich mit Kindern, glaubt sie. Ihr ganzes Leben der Philosophie verschreiben möchte sie deshalb nicht: „Es wird bestimmt hoffentlich auch mal anders sein. In meiner jetzigen Phase ist es gut, aber ich würde nicht davon ausgehen, dass es für immer so ist.“

So reduziert wie Lisa leben nur wenige Studierende. Trotzdem hat sie das Gefühl, dass das Bewusstsein immer mehr im Leben vieler Studierender ankommt. „Wenn ich mich mit Kommilitonen unterhalte, kommt das häufig: Eigentlich hab ich zuviel, und ich müsste auch weniger machen oder weniger haben.“

Vielleicht lassen sich viele Studierende in zwei Schubladen stecken: Sammler und Minimalisten, die nebeneinander friedlich koexistieren. Neben dem Mitbewohner, der mit großer Hingabe Platten sammelt, lebt dann auch immer die Mitbewohnerin, die gerade ihren Lebenshaushalt auf ein Minimum reduziert. Und vielleicht lässt sich selbst der größte Bologna-Nomade mit dem kleinsten Koffer irgendwann irgendwo nieder.

Dieser Artikel erschien bereits im Wintersemester 2015 im Braunschweiger Hochschulmagazin studi38. Ich habe mich aber dazu entschieden, ihn hier noch einmal zu veröffentlichen, weil er viele Themen anspricht, die mich schon seit meiner Teenager-Zeit beschäftigen und denen ich auch in Zukunft gerne mehr Platz in diesem Blog einräumen würde. Außerdem ist es einer meiner letzten Beiträge für ein Magazin, bei dem ich fast drei Jahre sehr viel gelernt habe – umso glücklicher war ich, dass sich die wunderbare Lisa Tegtmeier dann auch noch dazu bereiterklärt hat, etwas für diese Ausgabe zu illustrieren! Besucht Lisas Webseite.

Kommentar 1

  1. Lydia 18. April 2016

    Hallo Nina,

    lustig wie man manchmal auf Blogs stößt, ich fand den Weg über Elmastudio, weil ich mir das Theme in live anschauen wollte.
    Dein Artikel hat mich direkt angesprochen und auch, wenn sehr viele grad zu Nomaden und Minimalisten werden (gerade Studenten) fühle ich mich immer noch etwas allein in meiner Umgebung (vllt liegt es am Osten ;-)).
    Zwar hat mein häufiges Umziehen auch dazu bewogen auszumisten und zu minimieren, aber ganz so krass wie Lisa habe ich es dann doch nicht gemacht, es hat erst mal 3 Wohnungen gedauert, bis ich gemerkt habe, die Wohnungen/Zimmer/Möbel sind nicht zu klein, du hast einfach zu viel „Zeugs“.
    Und auch nach drei Jahren ausmisten ist es irgendwie immer noch zu viel „Zeugs“, auf die Weihnachtspyramide ausm Erzgebirge kann ich dann doch nicht verzichten.

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel und Blog, der mir aus der genau das widerspiegelt, wie es wohl den meisten unserer Generation ergeht.

    Großes Kompliment.
    LG Lydia

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